Aufsuchende Familienberatung
Vor viereinhalb Jahren haben wir begonnen, am Jugendamt Weilheim- Schongau das Projekt Intensive Familienberatung (IFB) einzurichten. Über das Konzept, zugrundeliegende Gedanken und unsere Erfahrungen wollen wir gerne informieren, weil wir von dieser Arbeit sehr überzeugt sind und meinen, dass unsere Erfahrungen auch in anderen Städten und Landkreisen gut nutzbar sind. Dafür bieten wir Jugendämtern gerne unsere Zusammenarbeit an.
Ausgangslage:
Ausgangssituation unserer Arbeit war die ständig steigende Zahl von Kindern und Jugendlichen mit erzieherischen Defiziten oder aber der Diagnose drohender seelischer Behinderung, die außerhalb der Familie untergebracht werden mussten, die steigende Nachfrage nach Beratung in erzieherischen Fragen und die explodierenden Jugendhilfekosten, die das Amt für Jugend und Familie in Handlungszwang brachten.
Gleichzeitig wurde und wird immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Maßnahmen, die ausschließlich oder hauptsächlich auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten sind (Psychotherapie, Heilpädagogische Tagesstätte, Heimunterbringung u. a.), immer wieder an ihre Grenzen stoßen, wenn parallel nicht an Veränderungen im familiären Kontext gearbeitet wird. Bleibt in der Familie alles beim Alten, sind Jugendhilfemaßnahmen in ihrer Wirkungsmöglichkeit stark eingeschränkt, immer wieder scheinen sie gar durch die Gegenwirkung der familiären Kräfte gescheitert oder vom Scheitern bedroht. Gleichzeitig zeigt sich, dass Kinder und Jugendliche in starke Loyalitätskonflikte geraten, wenn sie erleben, dass die Intention der professionellen Hilfe den Interessen der Familie entgegensteht.
Nachdem die Loyalität der Kinder und Jugendlichen zu ihren Eltern erfahrungsgemäß und verständlicherweise stärker ist, ist bei Maßnahmen professioneller Jugendhilfe darauf zu achten, die Familie konzeptionell zu integrieren und einen Rahmen zu gestalten, in dem miteinander und nicht konkurrent und gegeneinander gearbeitet wird
Historischer und theoretischer Hintergrund:
Familienberatungsprojekte in Berlin, Biberach und anderen Orten hatten bereits mit gutem Erfolg auf sich aufmerksam gemacht und dienten uns als Grundlage für die Entwicklung eines eigenen Konzeptes im Landkreis Weilheim - Schongau.
Das Familienberatungsprojekt will Familiensystemen in Krisen oder schwierigen Situationen professionelle Beratung/Therapie als Unterstützung zur Seite stellen, um mit Krisen anders umgehen zu lernen als bisher. In unserem Konzept sind verschiedene systemische Modelle und Erfahrungen verbunden: die Therapieansätze von Andersen (1990), Berg (1994, 2005), Boszormenyi-Nagy (1981), Erickson, M., Rossi, E.: (1999), Haley (1981), Minuchin (1977, 1981), Satir (1975,1990 ), Selvini Palazzoli (1985), de Shazer, S (1992, 2004), Stierlin (1988), Watzlawick (1974) u. a. m.
Haltung:
Intensive Familienberatung gründet auf der professionellen, systemischen Haltung, dass Familien grundsätzlich über ausreichend Mittel, Erfahrungen und Möglichkeiten verfügen, in der Familie auftretende Probleme lang-, mittel- und oft natürlich kurzfristig selbst zu lösen. Aus verschiedensten Gründen können Familien aber in Situationen geraten, in denen sie nicht mehr (so gut) in der Lage sind, eigene Ressourcen zu aktivieren und zu nutzen. Sie bedürfen dann professioneller Beratung. Ziel der Beratung ist dann nur zum Teil die Analyse dessen, was nicht funktioniert (Defizite, Symptome, etc.), der noch wichtigere Teil ist die Analyse der Ressourcen, der gesunden Anteile und der positiven Erfahrungen. Auch problematische Entwicklungen von Familien(mitgliedern) betrachten wir als Lösungen bzw. Lösungsversuche, die letztlich im Dienste einer positiven Entwicklung stehen, auch wenn mehr Nebenwirkungen als Wirkungen erzielt werden. Deswegen begegnen wir auch misslingenden Lösungsversuchen mit Respekt und unterstellen grundsätzlich allen Beteiligten gute Absichten, die sich für positive Veränderungen immer nutzen lassen. Wichtige Schlüsselbegriffe unserer Arbeit sind Lösungs- und Wachstumsorientierung, Wertschätzung und Allparteilichkeit.
Es hat sich gezeigt, dass die Familien, die ihr Kind in ein Heim geben wollen (oder eine andere Maßnahme wünschen), oft keinen anderen Ausweg kennen. Dabei gehen wir in der Familienbratung davon aus, dass Kinder oft als Symptomträger ihres Systems auf die Probleme in der Familie aufmerksam machen (wollen). Durch die systemische Therapie werden andere gangbare Wege der Konfliktbewältigung erarbeitet, alte Verhaltens- oder Denkmuster durchleuchtet, ihr Sinn offen gelegt und neue Erfahrungen im Miteinander erwirkt. Die Beteiligten sind oft dankbar und froh, wenn sie ihre Ressourcen entdecken, einsetzen und dann als Familie zusammen bleiben können. Oberster Grundsatz systemischer Arbeit ist hierbei, die eigenen Kräfte, Ressourcen der jeweiligen Familie zu aktivieren, damit die Familie auf längere Sicht ihre Probleme ohne familientherapeutische oder sozialpädagogische Hilfe lösen kann.
Konzept:
Wir haben mittlerweile ein Team von zwanzig Beraterinnen und Beratern installiert, die alle in systemischer Beratung bzw. systemischer Familientherapie weitergebildet sind. Im Jugendamt eingehende Fälle werden nach Diskussion im ASD-Team an uns weitergegeben, jeweils verknüpft mit einem oder mehreren konkreten Aufträgen (z. B. Abklärung einer Kindswohlgefährdung, Vermeidung einer Fremdunterbringung, Rückführung aus einer Einrichtung oder Abklärung weiterer erforderlicher Jugendhilfemaßnahmen). Im Projektteam wird der Fall dann vorgestellt, diskutiert und einem Beraterpaar (nach Möglichkeit eine Frau und ein Mann) zur Beratung übergeben. In der Regel stehen dann jeder Familie bis zu vier Sitzungen à 90 Minuten pro Monat zur Verfügung, in Krisensituationen auch mehr. Die Beratungsarbeit ist in aller Regel aufsuchend, d. h. sie findet bei der Familie statt, so dass auch Familien mit hohen Schwellenängsten davon profitieren können („Heimspielcharakter“). In monatlichen Projektteamtreffen werden die Beratungsprozesse reflektiert und supervidiert.
In der Regel finden die Beratungssitzungen 14tägig in der Familie statt, zunächst für 6 Monate mit einer Option auf Verlängerung. Ansprechpartner der Berater sind nicht nur die Mitglieder der Familie im engeren Sinn sondern auch andere Institutionen, die mit dem System zu tun haben.
Bisherige Erfahrungen:
Dreieinhalb Jahre IFB haben gezeigt, dass das eingesetzte Projekt im Landkreis erfolgreich war.
Es ist in dieser Zeit gelungen, einerseits 30 Heimaufnahmen von Minderjährigen zu vermeiden und andererseits von den 16 Kindern und Jugendlichen, für die von uns eine Rückführung angestrebt war, zehn in die Familien zurück zu führen. 4 von 6 Kindern konnten aus der Vollpflege in die Herkunftsfamilie zurück geführt werden, da die Familien sich durch intensive, beraterische oder therapeutische Unterstützung stabilisieren konnten.

